Pinsel und Feder

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Was sind Märchen?
26.05.2017 15:08

Das Märchen gehört zu den ältesten Literaturformen und ist überall auf er Welt zu finden. Das deutsche Wort leitet sich vermutlich von merechyn ab, was um 1450 in einer leibziger Erzählsammlung als Bezeichnung für kurze Geschichten "in denen sich häufig wunderbares ereignet" auftaucht. 

Bezeichnend ist auch der englische Begriff fairytale, der direkt übersetzt "Geschichte von den Feen bedeutet. 
Gerade die Märchen in Irland und Schottland sind geprägt durch die keltische Mythologie. Das äußert sich insbesondere durch eine tiefe Naturverbundenheit und durch einen ausgeprägten Glauben an übernatürliche Wesen die Sidhe (gälisch; gesprochen wie das englische she). Als Feenwesen sind hierbei nicht nur kleine, geflügelte Blumenkinder zu verstehen, sondern im Grunde alles, was sich nicht zweifelsfrei den Kategorien "Mensch" oder "Tier" zuordnen lässt: Riesen und Zwerge gleichermaßen wie Wassermänner und Kobolde. 
Häufig sind die Märchen in der Anderswelt, einer Art Traumwelt, angesiedelt. 

Die heute bekannten deutschen Märchen sind massiv durch die Brüder Grimm geprägt worden. Auf welche Art und Weise soll ein anderer Blogpost beschreiben. 
Und obwohl die Bevölkerungsdichte der Feenwesen hier nicht ganz so hoch ist, haben sie auch in den deutschen Märchen ihren Platz gefunden. Man denke nur an Schneewittchen und die sieben Zwerge. 

 

Snow white, Household stories from the collection of the Bros. Grimm (1922)

Märchenfamilien

Grob lassen sich Märchen in drei verschiedene Gruppen aufteilen: 
Volksmärchen, Buchmärchen und Kunstmärchen, wobei die Grenzen bisweilen fließend sind und die Wissenschaft diskutiert, ob eine solche Unterteilung überhaupt sinnvoll ist. 

Will man diese Unterscheidung jedoch treffen, ergibt sich folgendes:

Das Volksmärchen ist mündlich überliefertes und anonymes Erzählgut. 
Dadurch, dass es "vom Volk" über Generationen mündlich überliefert und bewahrt wurde, , verlor es seine individuellen Züge und die typische Form tart immer weiter hervor.
Diese mündliche Überlieferung hat zur Folge, dass viele Motive in abgewandelter Form auch länderübergreifend immer wieder auftauchen. So fällt zum Beispiel auf, dass das keltische Märchen Goldbaum und Silberbaum dem deutschen Sneewittchen sehr ähnlich ist. 

Das Buchmärchen ist von Sammlern, wie den Brüdern Grimm, niedergeschriebenes und so überliefertes Erzählgut. 

Das Kunstmärchen jedoch ist ein auf einen Autor zurückzuführendes literarisches Werk, wie zum Beispiel "Die kleine Meerjungfrau" von Hans Christian Andersen.
Das Volksmärchen dient dem Kunstmärchen hierbei als "Orientierungsmuster" zum Beispiel für Motive oder Handlungen und gilt dabei als "Weiterentwicklung" und "Literarisierung" des Volksmärchens. 

Als noch weitergehende Entwicklung könnte man den Fantasyroman beschreiben, der ebenfalls gerne auf märchenhafte Motive zurückgreift, aber durch komplexität und Länge den Rahmen eines Märchens sprengt.
Als Beispiele können hier Tolkiens "Der kleine Hobbit" oder Barries "Peter Pan" genannt werden.   

 

Die Form des Märchens

Wie Legenden, viele biblische Einzelerzählungen oder Witze gehören Märchen literarisch zu den kleinen Formen.
Die Orte der Handlungen sind selten geografisch ("Es war einmal in einem weit entfernten Königreich", "In einem dunklen Wald lebte ein armer Mann"), die handelnden Figuren nicht historisch korrekt, sondern symbolhaft und typisch (die schöne Prinzessin, die böse Königin).
Da die Figuren Chiffren sind, also für bestimmte Eigenschaften stehen, verändern sie sich im Laufe des Märchens nur selten. Diese Detailarmut hat zur Folge, dass dem Leser beziehungsweise dem Hörer Raum bleibt, um sich gewisse Gegebenheiten selbst vorzustellen und sich und seine Erfahrungen selbst in das Märchen hinein zu projizieren. 
Wichtig sind auch sich immer wiederholende Phrasen wie "Rapunzel, lass dein Haar herunter!", sodass der Hörer mit einstimmen möchte und das Märchen so quasi mit einem kleinen Vorrat an Sätzen inszeniert werden kann. 

 

 

Weiterführende Literatur

  • Dickerhoff, Heinrich (Hg.): Keltische Märchen. Zum Erzählen und Vorlesen. Krumwisch bei Kiel, 2010.
  • Freund, Winfried: Schnellkurs Märchen. Köln, 2005.
  • Woeller, Walltraud; Woeller, Matthias: Es war einmal ... Illustrierte Geschichte des Märchens. Leipzig, 1990. 
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