Pinsel und Feder

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Über plattdeutsche Märchen
12.03.2017 20:08
plattdeutsche Märchen Wilhelmine Siefkes Keerlke Wilhelm Wisser

Obwohl sich Wissenschaftler nicht ganz einig sind, ob Märchen bereits seit der Jungsteinzeit oder erst seit dem späten Mittelalter erzählt werde ,[1] wird deutlich, dass sie einen hohen Stellenwert in der menschlichen Kultur einnehmen:  
Sie dienten beispielsweise dazu, unerklärliche Phänomene begreifbar zu machen:
So werden exponierte Felsen verdächtigt, von Riesen geworfen worden zu sein;[2] Inseln und Bergketten sagt man nach, aus Erde, Sand oder Steinen entstanden zu sein, die durch ein Loch in einer Riesenschürze hinausgerieselt sind;[3] Polarlichter wurden tanzenden Feen zugeschrieben.[4] Ein Echo wird als das Seufzen einer liebeskranken Nymphe gedeutet[5] und eine stürmische See durch eine eifersüchtige Fee erklärt.[6]

So erscheint es zwingende Notwendigkeit, dass es auch auf plattdeutsch Märchen gibt. 
Besonders hervorzuheben ist hier die ostfriesische Autorin Wilhelmine Siefkes. Bereits ihre erste Veröffentlichung, eine Zusammenarbeit mit Albrecht Janssen, Georg Russeler und Wilhelm Scharrelmann, war eine Märchensammlung: "Friesische Märchen" (1919).[7] Kurz darauf veröffentlichte sie einen Sammelband mit in das Niederdeutsche übertragender Grimmsmärchen.[8] Obwohl sie 1939 als Lehrerin aus dem Schuldienst entlassen und mit mir einem Schreibverbot belegt wurde, veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Wilmke Anners neben ihrem berühmtesten Roman "Keerlke"[9], auch einige Märchenstücke.[10] Zudem erschienen einige Märchen- und Sagensammlungen, sowie posthum zwei Bilderbücher, welche jeweils eine Geschichte ihrer Bearbeitung enthielt: "Dat Ollske un de Bigge", und "Jan-Manntje in't papieren Huuske".  

Ebenso hervorzuheben ist Wilhelm Wisser, der sich als Märchenprofessor einen Namen machte. Als Märchen- und Mundartforscher schrieb er zwar keine eigenen Märchen, sammelte sie jedoch durch Erzählungen älterer Leute und veröffentlichte mehrere Sammelbände von Märchen in niederdeutscher Sprache.[11] Wissers Wirkungskreis liegt jedoch nicht im ostfriesischen, sondern im oldenburgischen und schleswig – holsteinischen Raum.
Albrecht Janssen hat sich besonders durch das Märchen von den "Eerdmanntjes" hervorgetan, dass durch ihn seine heutige geläufige Form erhielt.[12] Es erschien unter anderem in der oben bereits erwähnten Sammlung Friesische Märchen in Zusammenarbeit mit Wilhelmine Siefkes und Anderen. Darüber hinaus veröffentlichte er die Märchensammlung "Der Wundervogel".[13]

Die Auswahl an Märchen in niederdeutscher Sprache ist jedoch gering, da viele der als friesisch oder ostfriesisch beworbenen Märchen in hochdeutscher Sprache veröffentlicht wurden. 
Dies ist zum Beispiel bei "Der Wundervogel" und zum Teil bei Siefkes Debüt "Friesische Märchen" der Fall. Auch ihre Sammlung "Ostfriesische Sagen"[14] ist größtenteils auf Hochdeutsch verfasst. Das Buch "Plattdeutsche Märchen" von Wilhelm Wisser[15] enthält ebenfalls 69 Geschichten in niederdeutscher Sprache, auch die 15 Märchen aus "Jan Stiekelschwien"[16] von Siekes sind in Niederdeutsch abgedruckt.        
Auch in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm sind 16 Märchen in niederdeutscher Sprache enthalten:

19. Von dem Fischer un syner Frau

47. Von dem Machandelboom

66. Häsichenbraut

68. De Gaudeif un sien Meester

91. Dat Erdmänneken

96. De drei Vügelkens

113. De beiden Künigeskinner 

126. Ferenand Getrü un Ferenand Ungetrü

136. De wilde Mann

137. De drei schwatten Princessinnen

138. Knoist un sine dre Sühne 

139. Dat Mäken von Brakel 

140. Das Hausgesinde 

143. Up Reisen gohn 

187. Der Hase und der Igel

196. Oll Rinkrank

Die vorgestellten Nummern entsprechen dabei der Nummerierung der 5. Auflage der Kinder- und Hausmärchen. 


Obwohl sie immer wieder dafür kritisiert wurden, behielten die Brüder Grimm die niederdeutschen Versionen bei, selbst als dies zu finanziellen Einbußen führte: Das beliebte Märchen Der Hase und der Igel wurde erst durch die hochdeutsche Veröffentlichung durch Ludwig Bechstein populär, und verkaufte sich in Auflagenhöhen von denen „die Grimms nur träumen konnten.“[17] Der Grund für das Festhalten an den kritisierten Versionen könnte darin liegen, dass es ihnen wichtig erschien, trotz ihrer umfangreichen Editierung, den volksnahen und vertraulichen Ton, den das Märchen als ursprünglich mündliches Erzählgut auszeichnet, beizubehalten.[18]

 

 

 

 

 

[1] Lüthi, Max: Es war einmal. Vom Wesen des Volksmärchens. Göttingen, 2008. S. 147.

[2] Grimm, Jakob: Deutsche Mythologie. 1. Band. Um eine Einleitung vermehrter Nachdruck der 4. Auflage, Berlin 1875-78. Graz, 1968.

 

[3] Vgl. ebd. S. 443f.

[4] Lück, Marita: Im Zauberkreis der Feen. Die keltischen Kinder der Natur. Düsseldorf, 1997 S. 83f.

[5] Ovid: Metamorphosen. Zürich, 1996. S. 105-109.

[6] Dickerhoff, Heinrich: Das Messer gegen die Welle. In: Ders.: Keltische Märchen. Krumwisch bei Kiel: 2010. S. 64-67.

 

[7] Janssen, u.A: Friesische Märchen. Wilhelmshaven 1919.

[8] Siefkes, Wilhelmine: Dor was ins mal. Bremen, 1923.

[9] Siefkes, Wilhelmine: Keerlke. En Gang dör en Kinnerland. Hamburg-Quickborn, 1941.

[10] Böger, Joachim: Wilhelmine SIEFKES (Pseudonym: Wilmke ANNERS). In:
    ostfriesischelandschaft.de. Aurich: o.J. S. 2.

[11] Ranke, Kurt: Nachwort. In: Wisser, Wilhelm: Plattdeutsche Märchen. Hamburg, 1970. S. 295.

[12] Schuster, Theo: Nachwort. In: Janssen, Albrecht; Fischer, Holger: Eerdmanntjes. Leer, 2001. S. 35.

[13] Janssen, Albrecht: Der Wundervogel. Friesische Märchen von. Zweite Vermehrte Auflage.
     Oldenburg 1935.

[14] Siefkes, Wilhelmine: Ostfriesische Sagen. Leer, 1992.

[15] Wisser, Wilkelm: Plattdeutsche Märchen. Hamburg, o.J.

[16] Siefkes, Wilhelmine: Jan Stikelswien. Märchen un Volksvertellsels. Leer, 1987.

[17] Winzer, Axel: Editorisches Nachwort von Axel Winzer. In: Ders. (Hrsg.): Kinder- & Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. Ganz Große Ausgabe. Band III. Leipzig 2012. S. 344f.

[18] Ebd. S. 336.

 

Eine winterliche Geschichte

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